#We Own Tempelhof

WOT DE_ DAS FELD GEHÖRT NIEMANDEM // AUSSER ALLEN.

Privatisierung, sehr sehr geil! Luxuswohnungen, supergeil! Privatpolizei, geil! Baukräne? Sehr sehr schön. Baulärm? Super.

Lauft um Eure Tempelhofer Freiheit – zur Rettung des Flugfeldes!

Wann? Fr., 23. Mai 2014
18h am Eingang Oderstr. / Ecke Herrfurthstr.

Teaser:

Wir gehen gemeinsam ein letztes Mal die alten Grenzen des Tempelhofer Flugfeldes ab. Damit demonstrieren wir für den 100%igen Erhalt des gesamten Flugfeldes als Ort der Begegnung, Gemeinschaft und Freiheit. Ein freies Feld hat alle Rechte. Und es gehört niemanden. Außer uns allen. We Own Tempelhof.

Jogger, Akrobaten, Künstler, Gärtner, Longboarder, FKKler, Inlineskater, Familien, Fahrradfahrer sowie alle weiteren Zugvögel und Freiheitskämpfer: Kommt zusammen und lauft um Eure Freiheit. Im Kreis.

Zeigt wie frei und vielfältig Ihr seid, wie bunt das Feld dank Euch ist. Bringt Eure Instrumente mit, und lasst uns das Feld gemeinsam in eine farbenfrohe Krachmacherstraße verwandeln.

Wir starten am Freitag, 23. Mai 2014, 18h am Eingang des Tempelhofer Feldes (Oderstr. / Ecke Herrfurthstr.), um ein letztes Mal eine komplette Runde gegen den Uhrzeigersinn um das Tempelhofer Feld zu ziehen. Ziel sind die Gärten am Almende Kontor (ca. 20h).
Es wird zwei Gruppen geben, eine sportliche und eine gemütliche! Die große Runde ist für alle sportlichen Jogger, Skater, Radfahrer, etc. / die gemütliche Runde ist für alle Fußgänger und Spazierfahrer.

Laufstrecke

EN_ THE FIELD BELONGS TO NOBODY // EXCEPT FOR EVERYBODY

Privatisation – sehr sehr geil! Luxury apartments – supergeil! Private police – yeah!
Construction sites? Gorgeous. Construction noise? Awesome.

A run to save Tempelhof (you can actually walk)

When? Friday May 23, 2014
18:00 at the corner entrance of Oderstr. / Herrfurthstr.

We’ll run together through the old boundaries of the Tempelhof Airfield. We will demonstrate for the preservation of the airfield as a community meeting space. A free field has all the rights and belongs to nobody except for everybody. We own Tempelhof. Joggers, acrobats, artists, gardeners, long borders, inline skaters, families, cyclists, migratory birds, freedom fighters: Join together and run a lap for freedom. Our diversity colours the field. Bring instruments and turn up the volume.

We start on Friday May 23 at 18:00 at the entrance to Tempelhof Airfield (Oderstr. corner Herrfurthstr.). We will take one full counterclockwise lap around the Tempelhof Field. We are aiming to reach the garden at the Almende Kontor at 20:00.
There will be two groups: the sportive group and the comfortable group – either you run the whole round or you take a stroll on the small round.

Eine Aktion von Laura Kroth und Jasmin Grimm
Video von Xar Lee

http://weowntempelhof.tumblr.com/

http://www.facebook.com/events/1417291401878170/

http://www.mitvergnuegen.com/2014/we-own-tempelhof/

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Les fleurs

Les fleurs ne sont que des oranges sexuels, des vagins bariolés ornant la superficie du monde, livrés à la lubricité des insectes. Les insectes et les hommes, d’autres animaux aussi semblent poursuivre un but, leurs deplacements sont rapides et orientés, alors que les fleurs demeurent dans la lumière, éblouissantes et fixes. La beauté des fleurs est triste parce que les fleurs sont fragiles, et destinées à la mort, comme toutes chose sur Terre bien sûr mais elles tout particulièrement, et comme les animaux leur cadavre n’est qu’une grotesque parodie de leur être vital, et leur cadavre, comme celui des animaux, pue – tout cela, on le comprend dès qu’on a vécu une fois le passage des saisons …

Michel Houellebecq „La carte et le territoire“, p. 34

Flowers

Dissolving Europe

„Dissolving Europe“: In seinem Streifzug durch Europa weicht der Künstler Vermibus mit Pinsel und Lösungsmittel unser Bild von Schönheit auf.


5 Minutes Vermibus from Xar Lee.

Vermibus bekämpft unsere Konsumgesellschaft mit künstlerischen Interventionen. Er transformiert unsere Straßen zu großen Galerien, indem er Werbeplakate mit Models entwendet und sie als abstrakte Fratzen in den Stadtraum zurückhängt. Vermibus schafft damit einen Raum für Reflektion, Kunst und Kritik, fernab der ursprünglichen Werbebotschaften. Die Modeplakate, die der Künstler auf seinen Streifzügen durch Europa aus den Straßen entwendet, werden von ihm in einem intuitiven Verfahren mit Lösungsmitteln bearbeitet. Durch diesen Prozess entfremden sich die Plakate von ihrer „plakativen“ Schönheit. „Caro data Vermibus“ (Fleisch für die Würmer) ist der lateinische Ursprung des Wortes „Kadaver“ und gibt dem Künstler Vermibus sein Pseudonym – eine klare Allusion für die Dehumanisierung, dem die Models heutzutage mit den unzähligen Fotoretuschen für Werbekampagnen ausgesetzt sind. In seinen Arbeiten trotzt Vermibus den Schönheitsnormen, die durch diese Kampagnen proklamiert werden und schafft es, den Passanten einen neuen, überraschenden Blick auf die Werbeformen und -sprachen zu geben.

5 Minutes ist ein Projekt von ilovegraffiti.de in Zusammenarbeit mit ARTE Creative.

Produktion:
• Kamera, Schnitt: Xar Lee
• Editorial, Koordination: Jasmin Grimm
• Musik: Jordi Verdu ”Iceland”
• Ton Ingenieur: Nenad Dimitrijevic / studio rm2
• Producer: Vermibus

Video ‚5 Minutes Vermibus‘ veröffentlicht auf ARTE Creative und auf I Love Graffiti.

Null-Euro-Weihnachten

Alle Jahre wieder und dennoch immer wieder unfassbar. Letztens verkündete das Radio die frohe Botschaft: der Einzelhandel atmet auf, die Umsatzzahlen klettern rauf! Endlich strömen die Konsumenten wieder in die Neuzeit-Tempel, um sich mit neuen Winterjacken, warmen Klamotten, Weihnachtsdeko, -gebäck und –geschenken einzudecken. Klimawandel hin oder her, letztere Konsumfallen sind der Fels in der Wirtschaftsbrandung, denn nichts ist in diesen Zeiten so gewiss, wie dass Weihnachten kommt! Deshalb erleben wir jedes Jahr aufs neue eine logistische Punktlandung, wenn uns bereits ab Ende November quietschrote Dekoartikel und Lebkuchen in den Regalen anlächeln.

oeuroweihnachten

cc by jasmin

Doch sollte nicht auch hier mal das Stichwort “Nachhaltigkeit” fallen? Worin liegt der Sinn, jedes Jahr aufs neue Christbaumschmuck, Adventslichterketten und Wintermützen zu kaufen? Früher hatte man seine Winterkiste, die genau einmal pro Jahr aus dem Dachboden geholt, entstaubt und wiederbelebt wurde. Heute scheint diese Tradition nicht mehr zu existieren, traut man den hiesigen Warenbergen in den Läden.

Noch schlimmer wird das Ausmaß, wenn man sich Wichtelabende anschaut. Maximaleinsatz: 5€. Heraus kommt eine Ansammlung unnützester Spaßartikel, wie Rudolf-Mützen, Gelkerzen, singende Weihnachtsmannfiguren oder ulkige Nippes-Engel. Für 30 Minuten lachen sich die Beschenkten beim Wichtel gegenseitig aus, wer hat das unnützere, wer das amüsantere Geschenk? Traurig, dass man zusammengerechnet sicherlich über 100 Euro für Dinge ausgegeben hat, die direkt oder auf Umwegen wieder im Müll landen werden. Aber das ist ja nicht weiter schlimm, denn Wegwerfen ist mittlerweile unser Volkssport. Mit einer unglaublichen Geschwindigkeit schaffen wir es tagtäglich riesige Mengen Müll zu produzieren und diesen dann auch effizient aus unseren Augen zu transportieren. Wo genau der Müll dann landet und wie lange er noch existieren wird, bevor er wieder in die Bestandteile zerfällt, aus denen er gewonnen wurde, das können wir kaum mehr abschätzen. Hier haben wir es mit einer sauberen Angelegenheit zu tun, denn paradoxerweise machen wir uns mit Müll keine schmutzigen Hände. Das Abfallsystem ist so ausgeklügelt, dass wir in einer fast desinfizierten, hygienisierten Welt leben. Aber warum ist das so unerfreulich? Immerhin steigt der Lebensstandard, na klar. Schlimm ist es nur, weil es aus den Augen, aus dem Sinn ist und uns dadurch das Bewusstsein dafür nimmt, was für Unmengen an Produkten wir hinter uns lassen. Und das wiederum führt ganz im Sinne der Industrie dazu, dass wir fröhlich weiter konsumieren. Fortschritt bedeutet schließlich produzieren und damit einhergehend auch konsumieren. Wer dem entkommen will muss verzichten…?

Wie wäre es denn, wenn wir zu Weihnachten mit Re- und Upcycling anfangen? Dafür gibt es genügend gute Gründe und ein Wichtelabend mit 0€ Produkten kann viel amüsanter, kreativer und gemeinschaftlicher sein, wenn wir statt einer Kerze, eine Zeichnung, ein Kuscheltier aus alten Socken oder eine kleine Gesangseinlage erhalten. Diese Idee verfolgt auch die Plattform Zeit statt Zeug: www.zeit-statt-zeug.de bei der man ready-made Ideen und Gutscheine für Kochabende statt Kochbücher, für Strickstunden statt H&M-Schals oder auch Reparierhilfe statt neuem Fahrrad erhält. Aber das geht doch noch besser!

Deshalb ruft Nachhaltigkeitsguerilla alle Guerilleros zu einem Weihnachtsboykott auf: das Null-Euro-Weihnachten.

Wer von euch schafft es, Weihnachten für 0€ zu verbringen (oder zumindest annähernd 0€) und dennoch seinen Freunden & der Familie erfreuliches zu bereiten? Postet oder schickt uns gerne eure Recycling- oder Gratis-Geschenkideen!

Einzig Oscar aus der Tonne könnte das Ganze nicht in den Kram passen. Aber der kann dieses Jahr vielleicht auch mal leer ausgehen..

24 Stunden „Unendlicher Spaß“

Am Anfang der spaßigen Unendlichkeit steht ein von David Foster Wallace verfasster Roman. „Unendlicher Spaß“ dreht sich um einen gleichnamigen Film, der eine Kritik an der amerikanischen Entertainment-Gesellschaft beschreibt, denn seine Rezeption führt zum unmittelbaren Tod à la „Wir amüsieren uns zu Tode“ (mehr über „Unendlicher Spaß“ hier).

Diagramm zum Plot

Wallace – ein Künstler der Worte – kreiert neue Ausdrücke, beschreibt Situationen und Gedanken ausufernd mit detailverliebten Fachvokabeln, zieht Kleinigkeiten in die Länge, führt den Leser durch ein Dickicht an schier unendlichen Informationen und springt ruckartig in seinen Erzählungen. Ohne auch nur annähernd seinen Hang zur Perfektion und Logik zu verlieren. Noch so nichtig scheinende Buchpassagen können hundert Seite später wieder aufgegriffen, fortgeführt oder erklärt werden. Alles an diesem, den Leser in den Wahnsinn treibenden, 1500 Seiten langen Werk scheint kalkuliert.

Das Berliner Theaterhaus Hebbel am Ufer nahm sich der Herausforderung an „Unendlicher Spaß“ zu transformieren und aufzuführen. Eine so ungewöhnliche Vorlage erfordert ebenso ungewöhnliche Umstände, so könnte die Herangehensweise ausgesehen haben. Denn heraus kam ein 24 Stunden langes Theaterstück, welches seine Besucher durch das literarische Werk und gleichzeitig durch Berlin führt. Die Inszenierung in Berlin ist aber mehr als nur ungewöhnlich, sie ist mehr als einfach nur ein langes Theaterstück dessen Endziel die absolute Ermüdung sei, wie es in einigen Berichten und Beiträgen über das Stück viel zu kurz gegriffen dargestellt wird:

Videobeitrag auf ZDF Kultur

Das Theaterstück legt sich wie ein Netz auf die Stadt

Morgens um 10 Uhr treffen sich ca. 100 experimentierfreudige Besucher um in die Wallace’sche Welt einzutauchen. Das Stück beginnt in der Ennfield Tennis Acadamy – ein zentraler Handlungsort des Romans und einer von insgesamt neun Vorführungsorten. Im Laufe des Tages und der Nacht bringt uns ein Bus durch Berlin und führt uns zu weiteren Handlungsorten. „Unendlicher Spaß“, 1993 als Sciencefiction-Roman verfasst, spielt im Jahre 2009. Die ausgewählten Orte in Berlin vereinen ebenfalls das „Alte“ und das „Futuristische“. Es werden Orte, wie das Fernsehzentrum des RBB, der Umlaufkanal, der Benjamin Franklin Campus oder der Teufelsberg angesteuert. Zwischendurch passieren wir Denkmäler, wie den Bierpinsel oder das Messegebäude. Alles bedeutende Orte mit Architektur, die auf Veränderung reagierte und futuristische Konzepte umsetzte.

Ihnen gemeinsam ist der Charme des Vergangenen, kombiniert mit dem Versuch Zukunft zu gestalten. Gebäude wie der Benjamin Franklin Campus greifen in ihrer Form und Ästhethik eine Vision auf: Sie sind weniger ein Spiegel ihrer Zeit als vielmehr ein Seismograph, durch den Hindurch wir aus heutiger Sicht einen Parallelentwurf unserer Gegenwart erblicken können – quasi ein damaliger Versuch Zukunft zu artikulieren.

Benjamin Franklin Campus alias David Foster Wallace Center

Wir erleben ein Berlin abseits bekannter Wege, wodurch das Stück einen Raum im Raum erschafft. Diese Parallelwelt wird für 24h mit Perfektion zum Leben gebracht. Das Interessante ist die Kombination aus Fiktion und Realität, der Überlagerung der Inhalte des Buches mit dem Berliner Raum. Wie ein Chamäleon legt sich das Performance Projekt auf die Stadt, adaptiert die Orte, begibt sich fast unmerklich in sie hinein, um die Grenzen zwischen Inszenierung und Realität verschwimmen zu lassen.
Man nehme die Ennfield Tennis Acadamy: Alle Logos des eigentlichen Rot-Weiß Tennisvereins wurden abgenommen oder überhangen, die Tennisplätze zum Schauplatz und der Trainingsraum zur Bühne, wodurch der komplette Ort in die Geschichte eintaucht. Während die Theater-Besucher im Stadion einem philosophischen Tennis-Match zuschauen, üben auf den anderen Schauplätzen ganz „normale“ Tennisspieler wie jeden Samstag ihren Aufschlag. Das Umfeld trägt dadurch zu einer Vertiefung des Gefühls für den Ort bei, denn er unterstreicht die Handlung – und zwar fast „gewollt ungewollt“ auch Abseits der Bühne.
Das macht die Aufführung zu mehr als einem Theater, denn das Stück wird 360° erlebbar.

Erst durch die Besucher wird das Stück erfahrbar

Der Betrachter spielt eine elementare Rolle: Mal ist man Besucher eines Tennismatch, mal Publikum während einer Country-Western-Show, Teil einer Terror-Bewegung in Rollstühlen mit Schutzmaske oder zu Gast bei einem Anonymen Alkoholiker Treffen. Eine distanzierte Betrachtung ist gar nicht möglich, man muss sich involvieren, wird involviert. Der Theaterbesucher ist mehr als nur ein Betrachter, er versinkt in der Romanwelt, wird Teil von ihr und kann sich ihr vielleicht ebenso wenig entziehen, wie die Rezipienten des Films „Unendlicher Spaß“.

Und obwohl wir uns die gesamte Zeit in Berlin befinden, hat wohl keiner so recht das Gefühl tatsächlich in Berlin zu sein. Mit dem Bus fahren wir durch verlassene Straßen, werden an menschenleeren Orten rausgelassen und finden uns von einem Moment zum nächsten in einem komplett neuen Setting wieder. Durch den ständigen Szenenwechsel wird die fragmentarische Struktur des Buches aufgegriffen. So wie Wallace durch seine Geschichte springt und den Leser immer wieder mit Leerstellen konfrontiert, so werden auch wir als Theaterbesucher immer wieder an Orten rausgelassen und müssen in neue Geschichten eintauchen. Dieses collagierte Gefühl verstärkt sich durch die unterschiedlichen Inszenierungen, die von jeweils anderen Regisseuren und größtenteils wechselnden Schauspielern gespielt werden. Jede Möglichkeit der Orientierung wird uns dadurch verwehrt, ausruhen ist weder geistig noch körperlich erwünscht! Kaum ein Gesicht oder einen Ort sehen wir länger als eine Aufführung. Und je tiefer wir in die Nacht eintauchen, desto stärker verschwimmen Wach- und Traumzustand. Spätestens in der letzten Aufführung um 8 Uhr im Theatersaal im HAU2 gelingt es keinem mehr wach zu bleiben. In einem abgedunkelten Raum lesen zwei Schauspieler abwechselnd das Ende des Buches vor, hin und wieder unterbrochen von einer Gitarristin. Das Konzept geht auf. Alle versinken im Schlaf, werden dennoch wieder gezwungen aufzuwachen, um anschließend weiter zu dösen. Der Effekt der sich bei mir einstellt, verstärkt das Gesamtgefühl des Stücks: Fiktion, Traum und Realität sind kaum mehr voneinander zu trennen. Während ich schlafe verarbeitete ich die Eindrücke der letzten 22 Stunden und werde dennoch immer wieder herausgerissen, durcheinandergebracht und mit neuen Informationen konfrontiert. Beim Verlassen des Theaters um 10h morgens scheint die Sonne, wir fahren nach Hause und die Erinngerungen verblassen bereits. Nachdem ich zu Hause sechs Stunden geschlafen habe und am Nachmittag aufwache, bleibt nur die Frage: Habe ich das tatsächlich erlebt oder war alles nur ein Traum? Das Stück mag vorbei sein, aber der Kopf dreht sich weiter. Jeder Versuch sich ein Gesicht vorzustellen oder eine Erinnerung herauszugreifen, erscheint genauso schwer, wie nach einem Traum. Was bleibt ist vielmehr ein Gefühl.

Es geht bei weitem nicht nur, um die absolute Erschöpfung oder das Durchhalten bis zum Ende. Nein, es geht vielmehr um die Vermischung dieser Welten, der Involvierung des Betrachters, wodurch das Buch auf einer neuen Ebene und erst durch den Besucher selbst erfahrbar wird. Nicht nur die einzelnen Performances sind Teil der Transformation, sondern die Gesamtheit des Stückes, mit all seinen Szenenwechseln, Orten und vor allem der eigenen Bewusstseinsveränderung, in welcher das Stück letztlich seinen Ausdruck findet.

Ich habe selten etwas besseres erlebt. Unendlich gut, aber zum Glück auch endlich vorbei.

Viel Lärm um Nichts?

Spiegel Online
Eröffnung des BMW Guggenheim Labs in Berlin (Quelle: Spiegel Online)

Am Freitag eröffnete in Berlin das lang umstrittene BMW Guggenheim Lab. Wie bereits umfassend berichtet (u.a. in der Berliner Morgenpost), entschied sich das Lab nach Protesten in Kreuzberg für den Prenzlauer Berg als Standort. Die Eröffnung letzten Freitag, den 15. Juni am Pfefferberg hatte aber weniger Pfeffer als erwartet. Neben einer kleinen Demonstration, gab es vier Vorträge des Berliner Lab Teams zu sehen. Die dritte, wackelige Rede von Corinne Rose steckte scheinbar an: ein Besucher stand plötzlich ebenfalls auf wackeligen Beinen und klappte während ihrer Rede einfach rücklings um.

Schwarz vor Augen – eine weitläufige Reaktion? Schwarz habe ich zwar nicht gesehen, aber mein Puls schoss bei dieser Veranstaltung zugegebenermaßen auch nicht wirklich in die Höhe. Die Projekte sind eine Kombination aus soliden, aber wenig revolutionär anmutenden Ansätzen, wie der Fahrrad-Highway von Rachel Smith. Smith sprach darüber, dass sie in Australien aufgrund ihres Projektes für „absolutely crazy“ gehalten wurde. Nunja, ein Fahrrad-Highway… Diese Idee wurde schon öfters in meinem Umkreis diskutiert und man stimmte dem eher begeistert zu, als dass man uns für verrückt erklärte. Die Innovationskraft dieses Projektes, die sie vielleicht in New York oder Brisbane haben kann, scheint in einer europäischen und grünen Stadt wie Berlin etwas an Kraft zu verlieren (dass das Projekt dennoch in die richtige Richtung geht, möchte ich aber nicht bestreiten).

Gepaart mit ein paar Do-it-yourself-Workshops im Anschluss erschien das Gesamtbild der Veranstaltung jedoch eher zahm. An einem Stand von Etsy konnte man Weben, an einem anderen wurde unsere kreative Energie in selbstgenähte Handytaschen & Portemonnaies gesteckt, an einem anderen konnte man Designer-Hocker bauen. Die partizipativen Projekte zerstreuten eher die Gedanken und erzeugten Ergebnisse auf Hobby-Niveau. Soll hier wirklich kreatives Crowd-Thinking betrieben werden oder eher eine Beschäftigungsmaßnahme und ein pseudo-offener Ansatz verfolgt werden, weil der in Zeiten von Web 2.0 so angesagt scheint?

Einen ähnlich Eindruck hinterließ auch das Makerlab auf der DMY. Ein Symbol als Logo (oder ein Logo als Symbol) für Menschenrechte:

Prinzipiell eine interessante Idee. Als Besucher wurde man dazu angehalten das Logo zu verändern, neue Gestaltungsräume zu entdecken und somit die Belastbarkeit der Wiedererkennung zu testen. Das Logo an sich ist allerdings unantastbar! Man fühlte sich dann doch eher als Milchkuh, deren Kreativ-Euter angezapft werden sollte. Denn wirkliches Mitdenken im Sinne von Kritik war nicht mehr gefragt, sondern nur ein spaßiger Umgang mit der Vorlage.

Mir scheint als könne die Brücke zu den dahinterliegenden Themenkomplexen trotz engagierter Beschäftigungsmaßnahmen und Handwerker-Bastel-Lager nicht gebaut werden. Da werden Räume und Foren geschaffen, in denen endlich jeder mitarbeiten kann, absolute Transparenz und Demokratie herrscht, aber dennoch sind die Projekte so angelegt, dass man eher als fleißiger Zuarbeiter und weniger als Mitarbeiter agiert. Die Teilnahme wird dadurch meiner Meinung nach zu trivial und verliert ihren Reiz… Vielleicht gibt es aber auch bessere Beispiele oder dieses Projektprinzip steckt noch in Kinderschuhen und muss erst wachsen, um sich zu verbessern. Die beiden letzten Erfahrungen haben aber leider Zweifel aufkommen lassen, ob organisierte Veränderung à la „selbst gemacht“ überhaupt möglich ist.

Anti-Touri-Tour

Oft zieht es Touristen zu den Sehenswürdigkeiten einer Stadt: alte Paläste, große Monumente und geschichtsträchtige Begegnungsstätten, mit denen sich eine Stadt schmückt. An ihnen wird die Besuchswürdigkeit und historische Relevanz der Stadt gemessen – und das Prädikat „sehenswürdig“ vergeben.

(c) by Michael S.

Ein Gedankenexperiment

Wie wäre es sich mal eine Stadt ohne Sehenswürdigkeiten anzusehen? Oder zumindest abseits dieser? Hier setzt die Idee der Anti-Touri-Tour an: Es werden nur Orte angesteuert, die unsehenswürdig sind. Auch die von ZDFkultur gestartete „Anti-Sightseeing-Tour“ will Städte ohne große Sehenswürdigkeiten sehenswert machen. Wie? Durch die kleinen, ungesehenen Aspekte, die eine Stadt lebenswert machen. Doch eine Anti-Touri-Tour könnte doch noch mehr erreichen, als nur wieder zur Aufwertung einer Stadt im klassischen Sinne beizutragen.

In Duisburg könnte die Anti-Touri-Tour vom Love-Parade-Tunnel, mit einer Besichtigung der genauen Unglücksstelle, über das Headquater der Bandidos hin zum italienischen Mafia Restaurant, bis nach Marxloh führen, dem „sozialen Ghetto“ Duisburgs.
Oder stellen wir uns vor nach Erfurt zu reisen, um dort die Route des Amokläufers nachzuvollziehen. Ausgestattet mit einem Leitfaden, folgen wir Markierungen auf dem Boden, die uns ein Gefühl für Raum und Zeit der Tat geben und somit auch für das Schrecken. Denken wir einen Schritt weiter. Wie wäre ein digitales Egoshoot-Spiel im realen Raum, in dem wir den Amokläufer selbst spielen, die Tat durchlaufen und sogar noch erfolgreicher aus dem Kampf herausgehen könnten. Makaber. Vielleicht.
Wieso konzentrieren wir uns immer nur auf jene Orte, die vorzeigbar sind? Wieso soll nicht auch mal eine Auseinandersetzung mit Problemen, dem Vergessenen oder Verdrängten und somit eine Konfliktverarbeitung stattfinden? Weil es unbequem ist. Vielleicht.

Die Stadt aus der Perspektive des Verdrängten

Schönheitsflecken, soziale Brennpunkten oder kriminelle Zentren bringen Schande über die Stadt, werden versteckt und sollen nicht das Image stören oder gar repräsentieren. Lediglich positiv besetzte Eigenschaften, wie Wissenschaftsstadt, Messestadt, Jugendstilstadt, etc. werden herausgekehrt. Nicht jedoch: kriminellste Stadt, lauteste Stadt oder Stadt mit der höchsten Arbeitslosenquote Deutschlands. Aber zeigt das hingegen nicht das eigentliche Gesicht der Stadt? Am Rand der Gesellschaft liegt doch das vermeintlich Authentische und somit die wahre Seele einer Stadt. Wenn Sehenswürdigkeiten immer nur das stilisierte und idealisierte einer Stadt vermitteln, dann würde das im gleichen Zuge doch auch bedeuten, dass genau dadurch gar kein authentisches Bild der Stadt gezeigt werden kann, durch eine Anti-Touri-Tour hingegen schon eher? [Was aber die Grundfrage danach aufwirft, wo sich das „Authentische“ auffinden lässt. Ob es nur durch Inszenierungen wie z.B. im Rahmen einer Tour zugänglich wird und ob es uninszenierte Authentizität überhaupt geben kann. Gerade wenn es um die Darstellung problematischer oder vergangener Orte geht, und diese visuell faktisch erscheinen wollen, müssen sie sich wiederum inszenieren und nehmen somit vielleicht wieder Strukturen einer Sehenswürdigkeit an.]

Als Tourist ist man immer einem inszenierten Dispositiv ausgesetzt. Einer vorzeigbaren bzw. vorgezeigten Stadt. Die ausgeschnittenen Elemente sind auf den ersten Blick unsichtbar und deshalb für den normalen Touristen nicht zugänglich. Weshalb sollte man die Stadt nicht mal invertiert, quasi als Bildnegativ betrachten? Die Anti-Touri-Tour soll genau das leisten: Städte von unten betrachten, aus der Perspektive des Verdängten.

Der Blick in die ausgestülpten Bereiche, fernab des Vorzeigbaren, verrät mehr über das wahre Bild einer Stadt, als jene Attraktionen, die ohnehin jeder zu Gesicht bekommt. Denn durch das Einnehmen einer anderen Perspektive wird der Ausdruck Parallelgesellschaft erfahrbar und die Unsichtbarkeit ausgegrenzter Personen im städtischen Gesamtbild wieder sichtbar. Das Theaterstück „Niemandsland“ des holländischen Regisseurs Dries Verhoeven verfolgte ebenfalls diese Idee: Niemandsland nahm den Besucher auf eine auditive Reise in Hannover, um ihm individuelle Schicksale und Geschichten von dort lebenden Migranten zu schildern. Ausgestattet mit Köpfhörern lief man durch bekannte Straßen und erhielt ungekannte Einsichten.

Etwas weniger makaber als eine Amok-Tour durch Erfurt, dafür leichter erträglich und deshalb schon praktiziert, sind die Zweite-Heimat-Touren in Neukölln bei denen Migranten ihre Sicht auf Berlin zeigen und den Besucher an verborgene oder alltägliche Orte führen, zu denen er sonst niemals durchdringen würde. Genau dort kann man die Stadt aus einer neuen Perspektive betrachten, den Schwierigkeiten der Integration von Türken näher kommen und für diese Problematiken sensibilisiert werden.

Wenn Erinnerung sichtbar wird.

Auf meiner Reise in Lateinamerika beschäftige ich mich viel mit den jeweiligen Konflikten in den Ländern: Wie in vielen Entwicklungsländern prägen Unterdrückung von Minderheiten, Guerilla-Kämpfe und wirtschaftliche Interessen im Kontrast zum Leben der Einheimischen das Themenspektrum.

Zapatistas in Mexico (Image source: Zapateando)

In Ländern wie in Guatemala findet selbst 13 Jahre nach Ende des Bürgerkriegs kaum ein Austausch über die vergangenen Geschehnisse und den Genozid statt. Das Trauma scheint noch zu tief zu sitzen. Die damalige Nachrichtenzensur erstickte die Kommunikation bereits im Kern, sodass man sich heutzutage kaum traut über die Auswirkungen zu sprechen. Dadurch scheinen die Auswirkungen oberflächlich nicht sichtbar. Zudem gibt es lediglich einen Film, der den Bürgerkrieg thematisiert (La hija del puma), ausgerechnet von einer dänischen Produktionsfirma. Eine aktive Geschichtsverarbeitung und nationale Vergangenheitsbewältigung sieht wohl anders aus.

Liegen denn nicht gerade in der audiovisuellen Aufbereitung von Erinnerungen die Chancen, sich mit seiner eigenen Geschichte auseinanderzusetzen, darüber zu reden, die traumatischen Erlebnisse für andere zugänglich zu machen und sie letztlich dadurch auch zu verarbeiten?

Interessante Dokumenationen über politische Konflikte und Unterdrückung von Minderheiten sind:

„Viva Mexico“ (Mexico)

„Con mi corazon en Yambo“ (Ecuador)

„Tambien la lluvia“ (Bolivien)

Digital Begging: mal etwas Freestyle-Betteln?

Kreuzberg. Fünf Stationen mit der U1 in Berlin. Eine Ansammlung der Ärmlichkeit? Ein Schmelztiegel der Gesellschaft. Ein Geben und Nehmen. Arm trifft auf Zugezogen.

„Wer möchte die aktuelle Ausgabe der Motz kaufen?“ „Wer kann Kleingeld für eine warme Mahlzeit geben?“

Auch in Parks, Straßencafés und Bars dauert es nicht lange, bis man eine freundliche Spendenaufforderung erhält. Der Helferinstinkt springt automatisch an, doch da er zehn mal am Tag anspringt, springt er auch bald leider wieder ab.

('Lazy Beggers', Quelle: http://lazybeggers.net23.net)

Von unserer Un-Fähigkeit des Nicht-Handelns.

Allen Aufforderungen nachzukommen, das schafft selbst der sozialste Mitbürger nicht. Das Problem – wie in einer jeder Großstadt – ist das oberflächliche Netz, indem wir uns tagtäglich bewegen und welches Baudelaire als „Ennui“ bezeichnet. Diese Sphäre – bestehend aus einer Ansammlung indifferenter, fremder Personen – erzeugt einen starken Gegensatz zwischen unserem Inneren und dem Äußeren. Das nicht zu vermeidende Ergebnis in großen Städten: Langeweile und Ignoranz!

Schwierig wird es, wenn wir eigentlich spenden wollen, aber nicht mehr wissen, wem wir was geben sollen und möchten. Im Alltag sind wir durch die Überkomplexität überfordert und das resultiert oftmals darin, dass wir keinem mehr was geben (können).

Weshalb sollten nicht auch Bettler zu Strategien der Aufmerksamkeit greifen und sich positionieren? Denn woher wissen wir warum wir dem Bettler am Kotti Geld für Essen (oder was auch immer) geben, und dem Bettler eine Ecke weiter aber nicht? Der Bettler muss eine Botschaft übermitteln und einen Zugang zu seinem Inneren herstellen, um sich von der Sphäre der Oberflächlichkeit zu unterscheiden. Die meisten Menschen eilen in wenigen Sekunden an ihnen vorbei, selbst wenn man mehrmals täglich vorbeiläuft. Eine tiefere Beschäftigung findet leider selten statt.

Die ersten Freestyle-Bettler:

Warum nicht die neuen partizipativen Möglichkeiten des Internets nutzen, in dem schließlich prinzipiell jeder zu Wort kommen kann? So machten es bereits die beiden Lazybeggers Lyndon Owen und José Manuel Calvo vor: „Wir sind Bettler des 21. Jahrhunderts„. Auf ihrer Website erhält man Einblicke in das Leben der zwei Cyber Bettler. In Fotogalerien kann man ihre Freunde, Hunde und die Bilder ihrer Reise bestaunen. Man erhält eine Ahnung von dem Leben der Bettler, ihren Persönlichkeiten und kann sich davon unterhalten lassen. Durch das Einbauen von Paypal ist der Schritt zum Spenden nicht weit. Die Facebook-Seite liefert aktuelle Infos über Owen und Calvo.

Chris Coon aus New York machte mit dem Projekt „Ask a Million“ sein Schicksal ebenfalls zum Beruf, was er als Social Experiment bezeichnet. Coon bittet nicht nur um Geld, sondern erhebt zudem noch Informationen, wie Alter, Geschlecht und Einkommen des Spenders. Er protokolliert wer ihm auf der Straße einen Dollar spendet und veröffentlicht seine Ergebnisse online. Zudem erfährt man mehr über die Geschichte von Chris Coon, seinen Lebensweg und seine Hürden. Durch diese Einblicke in seine Persönlichkeit schafft er einen emotionalen Zugang zu sich. Er nutzt sogar die Möglichkeit zweckgebundene Spenden zu generieren: wer möchte kann für einen Walmart-Gutschein spenden oder für Jacken und Schuhe (das Prinzip der zweckgebundene Spende wendet auch betterplace.org erfolgreich an).

Das Web als digitale Straße?

Transparenz der Spende trifft auf emotionalen Zugang. Das Internet, als dritter Raum zwischen Innen und Außen, kann es schaffen die großstädtische „Ennui“ zu überwinden. Neben Spenden können sich Obdachlose zudem ein Gehör für ihre Themen und Anliegen schaffen. Im Grunde könnte das Web zu einer metaphorischen „U1“ mit vielen Spenden-Buttons statt leeren Coffee-To-Go-Bechern und Pappschildern werden. Mit dem Unterschied, sich – ohne Eile – die Zeit nehmen zu können, sich mit den Personen, ihrem Leben und dem Verbleib der Spende zu beschäftigen.

Bedingung dafür ist jedoch die Sozialisierung von Obdachlosen mit dem Medium Internet und der Öffnung des viralen Raums für alle. Internetzugang und der Erwerb der entsprechenden Kenntnisse sind dafür im ersten Schritt nötig. Dank immer einfach werdenden Content-Management-Systeme und Bezahl-Systeme sollte es dann möglich sein, sich sein eigenes Sprachrohr zu schaffen. Die Initiative von Nachhaltigkeitsguerilla e.V. über kostenlosen Internetzugang für Obdachlose setzt hier an und ist bereits ein erster Schritt!

Was jedoch kein Medium dieser Welt jemals ersetzen kann, ist der erfreute Blick, nachdem man einen Euro in den leeren Coffee-To-Go geschmissen hat oder sein belegtes Brötchen abgegeben hat. Und dafür lohnt es sich doch nach wie vor, in der U1 den Blick zu heben, wenn es wieder heißt: „Wer kann Kleingeld für eine warme Mahlzeit geben?“

[published on http://www.nachhaltigkeits-guerilla.de]